Josef
26.10.2003, 12:31
Das Problem ist, daß ein echter Euro-Föderalist, und der sind Sie ja in den letzten zwölf Monaten zweifelsfrei geworden, sich so etwas wie einer neuen Sprache bedienen muß. Gewiß handeltes sich nicht um Englisch, auch nicht direkt um Deutsch, sondern um eine Art Euro-Speak mit eigenem Vokabular und etwas schräger Logik.
Darin werden aus den wildesten Annahmen vollendete Tatsachen, ohne daßauch nur der Hauch eines Beweises vorhanden wäre; die optimistischsten Pläne werden zu gesicherten Fakten, und unbequeme Tatsachen und Zahlen werden schlichtweg mit Tipp-Ex (ein gutes deutsches Produkt!) aus dem Text geweißt. Haarsträubend irrige Folgerungen werden als offenkundige Wahrheiten präsentiert, und endlos wird die Demokratie beschworen, noch während die arme alte Dame aufs Altenteil geschoben wird.
(...) Sie erwarten, daß die "einzelnen Nationen" des neuen Mega-Europa innerhalb des heraufziehenden "europäischen Bundesstaats", nach dem Ihnen nun der Sinn steht, selbstbewußt und stark sein werden. Die Bestandteile eines Bundesstaats sind aber keine Nationen, sondern Provinzen. Wenn Sie wirklich das alte, stolze, wohlhabende Deutschland in eine Ansammlung deutschsprachiger Provinzen einer Mega-Union, die von anderswoher regiert wird, verwandeln wollen, warum sagen Sie es dann nicht frei heraus?
(...)
Es gibt einen alten Ausspruch, in dem viel Wahrheit steckt. Er lautet: Wer die Währung kontrolliert, kontrolliert auch die Wirtschaft; und wer die Wirtschaft kontrolliert, der kontrolliert auch das Land. Die D-Markist nicht bloß ein buntes Stück Papier. Sie ist das Instrument, mit dem Deutschland (und ergo die Deutschen) ihr wirtschaftliches Schicksal und damit ihr Land kontrollieren. Wer die höchste Kontrolle überdie D-Mark einer Institution außerhalb Deutschlands übergibt, der gibt im Endeffekt auch die Kontrolle über die deutsche Wirtschaft und damit auch über Deutschland selbst in fremde Hände. Diese Hände mögen überaus guten, fähigen Leuten gehören; vielleicht sind sie nett zu ihren Kindern, geben Bettlern Almosen und treten nie einen Hund. Aber darum geht es nicht, und es geht auch nicht darum, daß Deutschland zu den elf Euro-Teilnehmern gehören wird und eines von 15 in Brüssel vertretenen EU-Ländern ist. Es geht darum, daß Deutschland aufgehört haben wird, als souveräner, sich selbst regierender Nationalstaat zu existieren.
(...) Ach, höre ich da, aber lieber Herr Forsyth, wir geben doch unsere Souveränität nicht auf, wir bündeln sie doch bloß oder teilen sie mit anderen. (Hier drüben hören wirden gleichen Unsinn.) Das Recht der Bevölkerung eines Landes, sich von einem obersten, gewählten Parlament regieren zu lassen, ist unteilbar. Mein eigenes Volk mußte Jahrhunderte kämpfen, um das herauszufinden. Sie können die Souveränität eines Volkes genausowenig "bündeln", wie Sie Ihre Ehe "teilen" können, indem Sie 50 Bekannten erlauben, mit Ihrer Frau zu schlafen. Souveränität kann man entweder behalten oder abgeben, dazwischen GIBT ES NICHTS.
Womit wir bei der Frage nach dem moralischen und politischen Recht wären. Ginge es um ein Thema von vergänglicher oder pragmatischer Natur, um Steuern oder Einfuhrquoten für Mais, dann stünde es gewählten Politikern zu, für das Volk die Entscheidung zu treffen. Dafür werden sie ja schließlich gewählt. Aber hier geht es um die Zukunft und das Schicksal Deutschlands und des deutschen Volkes. Nachdem Sie und Helmut K. nun im Duett singen, wo hat da noch jemand die Wahl? Wann wird das Volk gefragt?
(...) Überall in Europa tritt unseren anmaßenden "demokratischen" Führern bei dem Gedanken, ihre Bevölkerungen in einem Referendum zu befragen, der Schweiß auf die Stirn. Führt gar kein Weg daran vorbei, werden Unsummen von Steuergeldern für Propaganda ausgegeben, damit auch ja herauskommt, was herauskommen soll. Mit Kampagnen, über deren Verlogenheit Goebbels im Grabe kichern würde, soll das Wahlvolk auf Linie gebracht werden.
(...) Ein echter Demokrat wird nie von zwei unerschütterlichen Grundsätzen der Demokratie abrücken, wie unbequem die Gegenposition auch sein mag. Sie lauten: Man soll, bevor man Entscheidungen fällt, nicht reden, sondern ZUHÖREN. Und: Man soll, bevor man etwas wegnimmt, das einem nicht gehört, UM ERLAUBNIS BITTEN."
(Frederick Forsyth an Gerhard Schröder, Quelle: Der Spiegel)
Darin werden aus den wildesten Annahmen vollendete Tatsachen, ohne daßauch nur der Hauch eines Beweises vorhanden wäre; die optimistischsten Pläne werden zu gesicherten Fakten, und unbequeme Tatsachen und Zahlen werden schlichtweg mit Tipp-Ex (ein gutes deutsches Produkt!) aus dem Text geweißt. Haarsträubend irrige Folgerungen werden als offenkundige Wahrheiten präsentiert, und endlos wird die Demokratie beschworen, noch während die arme alte Dame aufs Altenteil geschoben wird.
(...) Sie erwarten, daß die "einzelnen Nationen" des neuen Mega-Europa innerhalb des heraufziehenden "europäischen Bundesstaats", nach dem Ihnen nun der Sinn steht, selbstbewußt und stark sein werden. Die Bestandteile eines Bundesstaats sind aber keine Nationen, sondern Provinzen. Wenn Sie wirklich das alte, stolze, wohlhabende Deutschland in eine Ansammlung deutschsprachiger Provinzen einer Mega-Union, die von anderswoher regiert wird, verwandeln wollen, warum sagen Sie es dann nicht frei heraus?
(...)
Es gibt einen alten Ausspruch, in dem viel Wahrheit steckt. Er lautet: Wer die Währung kontrolliert, kontrolliert auch die Wirtschaft; und wer die Wirtschaft kontrolliert, der kontrolliert auch das Land. Die D-Markist nicht bloß ein buntes Stück Papier. Sie ist das Instrument, mit dem Deutschland (und ergo die Deutschen) ihr wirtschaftliches Schicksal und damit ihr Land kontrollieren. Wer die höchste Kontrolle überdie D-Mark einer Institution außerhalb Deutschlands übergibt, der gibt im Endeffekt auch die Kontrolle über die deutsche Wirtschaft und damit auch über Deutschland selbst in fremde Hände. Diese Hände mögen überaus guten, fähigen Leuten gehören; vielleicht sind sie nett zu ihren Kindern, geben Bettlern Almosen und treten nie einen Hund. Aber darum geht es nicht, und es geht auch nicht darum, daß Deutschland zu den elf Euro-Teilnehmern gehören wird und eines von 15 in Brüssel vertretenen EU-Ländern ist. Es geht darum, daß Deutschland aufgehört haben wird, als souveräner, sich selbst regierender Nationalstaat zu existieren.
(...) Ach, höre ich da, aber lieber Herr Forsyth, wir geben doch unsere Souveränität nicht auf, wir bündeln sie doch bloß oder teilen sie mit anderen. (Hier drüben hören wirden gleichen Unsinn.) Das Recht der Bevölkerung eines Landes, sich von einem obersten, gewählten Parlament regieren zu lassen, ist unteilbar. Mein eigenes Volk mußte Jahrhunderte kämpfen, um das herauszufinden. Sie können die Souveränität eines Volkes genausowenig "bündeln", wie Sie Ihre Ehe "teilen" können, indem Sie 50 Bekannten erlauben, mit Ihrer Frau zu schlafen. Souveränität kann man entweder behalten oder abgeben, dazwischen GIBT ES NICHTS.
Womit wir bei der Frage nach dem moralischen und politischen Recht wären. Ginge es um ein Thema von vergänglicher oder pragmatischer Natur, um Steuern oder Einfuhrquoten für Mais, dann stünde es gewählten Politikern zu, für das Volk die Entscheidung zu treffen. Dafür werden sie ja schließlich gewählt. Aber hier geht es um die Zukunft und das Schicksal Deutschlands und des deutschen Volkes. Nachdem Sie und Helmut K. nun im Duett singen, wo hat da noch jemand die Wahl? Wann wird das Volk gefragt?
(...) Überall in Europa tritt unseren anmaßenden "demokratischen" Führern bei dem Gedanken, ihre Bevölkerungen in einem Referendum zu befragen, der Schweiß auf die Stirn. Führt gar kein Weg daran vorbei, werden Unsummen von Steuergeldern für Propaganda ausgegeben, damit auch ja herauskommt, was herauskommen soll. Mit Kampagnen, über deren Verlogenheit Goebbels im Grabe kichern würde, soll das Wahlvolk auf Linie gebracht werden.
(...) Ein echter Demokrat wird nie von zwei unerschütterlichen Grundsätzen der Demokratie abrücken, wie unbequem die Gegenposition auch sein mag. Sie lauten: Man soll, bevor man Entscheidungen fällt, nicht reden, sondern ZUHÖREN. Und: Man soll, bevor man etwas wegnimmt, das einem nicht gehört, UM ERLAUBNIS BITTEN."
(Frederick Forsyth an Gerhard Schröder, Quelle: Der Spiegel)