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Thema: Schöne deutsche Gedichte

  1. #161
    1813 Benutzerbild von Ansuz
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    Standard AW: Schöne deutsche Gedichte

    Agnes Miegel, Cranz

    An dieser Bucht hab ich als Kind gespielt
    Der Sand war sonndurchglüht und warm.
    Geborgen wie in einer Greisin Arm
    Lag ich am Hang der Düne.

    Drunten hielt
    Schnaubend der Brandung schäumendes Gespann.
    Auf flockig weiße Mähnen schien das Licht.
    Und manchmal sahn, mit triefendem Gesicht
    Grünäugig mich des Meeres Töchter ab,
    Und warfen Muscheln an den Strand und Tang
    Und duckten jäh mit schrillem Möwenschrei.
    Der feuchte Seewind strich an mir vorbei.
    Ich aber lag geborgen an dem Hang
    Der weißen Düne. In den Sand gekrallt
    So wie ein Kätzchen liegt im warmen Schoß.
    Und wohlig blinzelnd und gedankenlos
    Spürt ich, sie wacht, -
    Heilig, vertraut, uralt.
    Deutsche mit Vertriebenenhintergrund




  2. #162
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    Standard AW: Schöne deutsche Gedichte

    Der Gang aufs Land

    Gedicht von Friedrich Hölderlin

    An Landauer

    Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
    Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.
    Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes
    Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft.
    Trüb ists heut, es schlummern die Gäng und die Gassen und fast will
    Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.
    Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer
    Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.
    Denn nicht wenig erfreut, was wir vom Himmel gewonnen,
    Wenn ers weigert und doch gönnet den Kindern zuletzt.
    Nur daß solcher Reden und auch der Schritt' und der Mühe
    Wert der Gewinn und ganz wahr das Ergötzliche sei.
    Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte
    Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst,
    Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist,
    Und von trunkener Stirn höher Besinnen entspringt,
    Mit der unsern zugleich des Himmels Blüte beginnen,
    Und dem offenen Blick offen der Leuchtende sein.

    Denn nicht Mächtiges ists, zum Leben aber gehört es,
    Was wir wollen, und scheint schicklich und freudig zugleich.
    Aber kommen doch auch der segenbringenden Schwalben
    Immer einige noch, ehe der Sommer, ins Land.
    Nämlich droben zu weihn bei guter Rede den Boden,
    Wo den Gästen das Haus baut der verständige Wirt;
    Daß sie kosten und schaun das Schönste, die Fülle des Landes,
    Daß, wie das Herz es wünscht, offen, dem Geiste gemäß
    Mahl und Tanz und Gesang und Stuttgarts Freude gekrönt sei,
    Deshalb wollen wir heut wünschend den Hügel hinauf.
    Mög ein Besseres noch das menschenfreundliche Mailicht
    Drüber sprechen, von selbst bildsamen Gästen erklärt,
    Oder, wie sonst, wenns andern gefällt, denn alt ist die Sitte,
    Und es schauen so oft lächelnd die Götter auf uns,
    Möge der Zimmermann vom Gipfel des Daches den Spruch tun,
    Wir, so gut es gelang, haben das Unsre getan.

    Aber schön ist der Ort, wenn in Feiertagen des Frühlings
    Aufgegangen das Tal, wenn mit dem Neckar herab
    Weiden grünend und Wald und all die grünenden Bäume
    Zahllos, blühend weiß, wallen in wiegender Luft,
    Aber mit Wölkchen bedeckt an Bergen herunter der Weinstock
    Dämmert und wächst und erwarmt unter dem sonnigen Duft.

    Deutsche mit Vertriebenenhintergrund




  3. #163
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    Standard AW: Schöne deutsche Gedichte

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    von unserer großen baltendeutschen Dichterin Gertrud von den Brincken:

    Du bist gefallen – ein Morgenrot
    wird nimmer zum Tage ersteigen.
    Du warst voll Feuer, du bist verloht,
    du warst voll Taten, nun bist du tot,
    gegangen ins große Schweigen. –

    Wir hören noch deinen Kommandoruf
    aus Rauch und Flammen erschallen.
    Der spielende Wellen zur Sturmflut schuf,
    du stürmtest voran uns allen.

    Hinein in
    das Feuer jenseits vom Strom!
    Und fletscht auch der Tod vor der Schwelle,
    wir schützen das Schloss, wir schützen den Dom
    und wir sprengen die Zitadelle!

    Wie kannst du jetzt schlafen, so still und kühl?
    du weißt doch, wie sehr wir dich brauchen,
    du weißt doch, dass rings noch vom Kampfgewühl
    verwüstete Herde rauchen.

    Viel Arbeit
    wartet noch unerreicht,
    zu rächen nicht gilt’s nur und retten,
    viel Arbeit – die allerschwerste vielleicht –
    liegt unter den Trümmerstätten.

    Du darfst nicht ruhen! Steh auf und lausch,
    wir haben soviel dir zu melden
    Durch Riga braust’s wie ein Jubelrausch
    und die Sterbenden starben als Helden.

    Wir müssen dir sagen, wie Riga fiel,
    wie kühn sich dein Stoßtrupp geschlagen,
    wir müssen dir sagen soviel, soviel
    von diesen gewaltigen Tagen!

    Du kannst
    nicht schlafen, – du wartest bloß,
    ob wieder man rufen dich wolle ...
    Hoch bäumt sich dein Wille ergebungslos
    dem Schicksal der baltischen Scholle.

    Noch bricht deine Liebe aus Nacht und Bann
    empor, bis ihr Werk sich vollendet.
    Wir wissen’s: du stürmst uns aufs neue voran,
    wenn wieder zum Sturm wir entsendet.

    Wir wissen’s
    : du führst uns, dein Auge loht,
    du rufst und mit herrischem Halle:
    Bis die Heimat aufsteht aus aller Not –
    Wer zögert? – Vorwärts! – Du bist nicht tot,
    und wir folgen, wir folgen dir alle!
    Deutsche mit Vertriebenenhintergrund




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