Auch ein guter Artikel in TichysEinblick:

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Gegen solche Luftnummern hilft vielleicht ein kleiner Ausflug in die Welt der Tatsachen. Zu den empirischen Tatsachen gehört das Phänomen Kultur. Menschen sind Kulturwesen, Kultur ist Teil der menschlichen Natur (conditio humana). Mit Kultur ist das gemeinschaftliche „Wissen“ einer Gesellschaft gemeint. Ein Bild kann es anschaulich machen. Nehmen wir einmal an, die Gesellschaft sei ein PC, dann besteht seine Hardware aus den gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen und die Software aus der Kultur dieser Gesellschaft. Zur Kultur gehören die gemeinsame Sprache (Hochsprache), die nationale Geschichte, die gemeinsamen Symbole, Gemeinsamkeiten der Lebensweise, Bräuche, Sitten, Gewohnheiten, Werte, Normen, soziale Spielregeln, Auto- und Heterostereotypen, typische Denkweisen, Ideen, Ideologien.

Dieses spezifische „Wissen“ macht die jeweiligen nationalen Kulturen aus. Sie sind so etwas wie der gemeinsame (immaterielle) Nenner einer Gesellschaft.
Nationale Kulturen bestehen wiederum aus Sub- oder Teilkulturen, es gibt schicht-, klassen-, alters- und konfessionsspezifische Kulturen. Zu den Subkulturen zählen auch politische und weltanschauliche Milieus sowie regionale und lokale Kulturen mit ihren Dialekten, Bräuchen, Sonderregeln. Natürlich hat Deutschland eine nationale Kultur, die sich von anderen nationalen Kulturen Europas, der Welt oder der eingewanderten kulturellen Minderheiten unterscheidet. Seltsam nur, dass dieselben Leute, die die Existenz einer deutschen Kultur bestreiten, in der Toskana in Verzückung über italienische Kultur und Lebensart geraten.

Gesellschaften sind auf die Integration ihrer Mitglieder angewiesen, unabhängig davon, ob Einwanderungsgesellschaft oder nicht. Unter den Bedingungen des religiösen, weltanschaulichen und politischen Pluralismus bleiben aber als Grundlage der sozialen Integration grundsätzlich nur zwei Möglichkeiten: das Recht oder die gesellschaftliche Kultur eines Landes. Das Recht ist dieser Aufgabe nicht gewachsen, wie später noch zu zeigen ist. Bleibt die gesellschaftliche Kultur. Sie verfügt über den Vorrat an Gemeinsamkeiten, auf den funktionierende Gesellschaften angewiesen sind: eine gemeinsame Sprache, gemeinsame Werte und Symbole. Bei Einwanderungsgesellschaften ist deshalb sinnvollerweise die Kultur der Aufnahme- oder Mehrheitsgesellschaft die gesellschaftliche Kultur des ganzen Landes. Frage ist nur, ob die Einwanderer die kulturellen Werte der Mehrheitsgesellschaft teilen, und falls nicht, wie mit Abweichung umgegangen wird. Sind die kulturellen Werte der Mehrheitsgesellschaft im Streit- oder Zweifelsfall der verbindliche Maßstab für die Auflösung von Wertekonflikten auch gegen den Willen der Minderheit? Oder sind sie Gegenstand interkultureller Aushandlung wie im Falle der multikulturellen Gesellschaft?
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