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Thema: Der Reichstagsbrand

  1. #21
    Mitglied Benutzerbild von Hellmann
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    Standard AW: Der Reichstagsbrand (mit viel Text)

    Sehr guter Eröffnungstext.

    Allerdings fehlen da zwei wichtige Leute:

    1. Putzi Hanfstaengl

    2. Sefton Delmer

    Die Rolle dieser beiden habe ich mal im Politikforum näher betrachtet.

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    Man muß leider den Strang durchlesen, weil ich das jetzt nicht alles noch einmal zusammenfassen will.

    Jedenfalls ist davon auszugehen, dass mit Sefton Delmer und Hanfstaengl die britische Regierung und die US-Botschaft von der Brandstiftung informiert waren und Hitler mit entsprechenden öffentlichen Beschuldigungen hätten verhindern können.

  2. #22
    marc
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    Standard AW: Der Reichstagsbrand (mit viel Text)

    Zitat Zitat von cajadeahorros Beitrag anzeigen
    Wikipedia habe ich aufgegeben. Dort sind zuviele Idioten mit zuviel Zeit die einen, was politische Inhalte betrifft, in sinnlose "edit-wars" verwickeln.

    Ganz genau lieber elektrofisch, du bist gemeint (falls du auch hier zensierst).
    Kann ich bestätigen.
    Als ich angefangen habe zu studieren, saß ich mal in einem Seminar über Max Weber und zu den Aufgaben, die uns gestellt wurden, gehörte unter anderem, mindestens drei Fehler in den Wikiartikeln über seine Bücher zu finden.

    Ein anderer Professor war ganz begeistert von Wikipedia und er forderte seine Studenten auf, Artikel über bestimmte Historiker, Politikwissenschaftler usw. zu schreiben. Er war Feuer und Flamme, schrieb Rundmails über die "Chance Wikipedia" und hat erst später gemerkt, dass auch er als Professor kaum eine Chance hatte, einen Artikel über Leute zu verfassen, bei denen er selbst promoviert hat!, ohne dass er sich in endlose "edit-wars" mit ein paar Wichtigtuern verfangen konnte - seinen Studenten ging es genauso.
    Die ganze Idee hat er dann schnell aufgegeben, der Arme.

    Kluger Mann, aber das Internet kannte er anscheinend nicht so recht.

  3. #23
    Sachse Benutzerbild von mabac
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    Standard AW: Der Reichstagsbrand (mit viel Text)

    Sagenhaft, was manch einer von Wikipedia erwartet!

    In der Forenwelt erspart Wikipedia oft das Abtippen von Zitaten, umfangreicher als Brockhaus - Beiträge sind Wiki - Beiträge allemal.

    Ein Beispiel zum Thema, ich könnte jetzt Jan Valtins Tagebuch der Hölle wieder leihen oder für drei Euro auf dem Grabbeltisch kaufen, statt dessen zitiere ich aus einem bei Wikipedia verlinkten Artikel:

    Auch einige bekannte historische Ereignisse, etwa den Reichstagsbrandprozess, erzählt das Tagebuch der Hölle neu. Laut Valtin war der Angeklagte in Leipzig, Georgi Dimitroff, in Wahrheit Leiter des Westbüros und damit der wichtigste Geheimnisträger der Komintern. Um ihn zu schützen, verhaftete die Sowjetunion nach seiner Festnahme ihrerseits eine Reihe deutscher Staatsbürger und presste dem Dritten Reich das Versprechen ab, den Bulgaren nach der Verhandlung freizusprechen. Daher der weltweit bewunderte Mut, mit dem sich Dimitroff vor Gericht verhielt.
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    Also, so harmlos, wie die armen deutschen Kommunisten und ihre Führer dargestellt werden,waren sie nicht!
    Wo gestern eine christliche Schule stand, steht morgen eine Moscheehütte. Der kriegerische, männliche Geist dieser Religion ist dem Neger verständlicher als die Lehre vom Mitleid, die ihm nur die Achtung vor den Weißen nimmt ...
    O. Spengler 1934

  4. #24
    Kartoffelknülch Benutzerbild von Dubidomo
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    Standard AW: Der Reichstagsbrand (mit viel Text)

    Zitat Zitat von cajadeahorros Beitrag anzeigen
    Aber in einem Satz:
    Die Nazis haben den Reichstag als bewusste Provokation angezündet und die in den 60er Jahren aufgebrachte Alleintäterthese ist haltlos, sie diente zur Reinwaschung des westintegrierten NS-Personals.


    Jetzt kommt der nächste Schritt: Die Frage wozu das Dritte Reich gut gewesen sein soll? Irgendjemand muss daran großes Interesse gehabt haben; denn für die Zeit von 1919 bis 1930 gilt: Ohne Moos nichts los. In einer Zeit, in der 0,36 RM Stundenlöhne an Männer gezahlt wurden, kann die Frage der finanziellen Mittel nicht unter den berühmten Teppich gekehrt werden.

    Sowie Hitler seine Getreuen zur Sicherung seiner Ziele geopfert hat, so wurden seine ihm verbliebenen Getreuen von den Drahtziehern im Hintergrund 1946 ganz ordentlich vom Leben zum Tode befördert. Ich habe mich oft gefragt, was sich die führenden Nazis dachten, wenn sie Recht und Gesetz so sehr zum Schaden Deutschlands missachteten.
    Nun denn: Es erging ihnen wie dem so erfolgreichen Dr. Villain!
    MfG dubidomo

    Frau Merkel ist menschenrechtfeindlich gemäss der Artikel 14, 15, 23, 24 und 25 der UNO-MENSCHENRECHTERKLÄRUNG!

  5. #25
    Kartoffelknülch Benutzerbild von Dubidomo
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    Standard AW: Der Reichstagsbrand (mit viel Text)

    Zitat Zitat von mabac Beitrag anzeigen

    Also, so harmlos, wie die armen deutschen Kommunisten und ihre Führer dargestellt werden,waren sie nicht!
    Da geb ich dir Recht! Wer mit den Nazis zwecks Aushebelung des freiheitlichen Rechtstaates paktiert, darf sich hinterher über die entstandene Rechtslosigkeit nicht beschweren. Dasselbe dümmliche Genöhle tritt schon im Zusammenhang mit der Ermordung R. Luxemburgs und Karl Liebknechts auf. Die deutschen Kommunisten haben es seit den Tagen des Spartakus versäumt eine eigene Position zu beziehen, die Position gemäß der Interessen der deutschen Arbeiterschaft. Der Versailler Vertrag ging vor allem zu Lasten und auf Kosten der Arbeiterschaft. Stattdessen waren sie nie anderes als Befehlempfänger russ. Interessen und waren daher von den Direktiven aus Moskau abhängig. Die deutschen Kommunisten haben wohl nie mitbekommen, dass Stalin 1926 seine Position in der russ. Arbeiterpartei dadurch stärkte und er deshalb zum Generalsekretär der Partei gewählt wurde, weil er vom leninschen Prinzip des Internationalismus Abschied nahm und dem Aufbau des Sozialismus im eigenen Land den Vorrang einräumte. Mit der Änderung der Zielrichtung der KPDSU wäre es für die deutschen Kommunisten Zeit geworden sich von der SU abzunabeln und den Weg der Interessen der deutschen Arbeitschaft zu gehn. Der Vorwurf der vaterlandslose Gesellen zu sein oder die Rolle von Trojanern zu spielen, hätte nicht gefruchtet. So aber konnten die Großkapitalisten diese psychologische Schwäche in der Argumentationsphalanx der deutschen Kommunisten voll nutzen. Wieso mussten die deutschen Kommunisten eigentlich treu zu Moskau stehn? Die Rolle Stalins kommt mir zu dieser Zeit reichlich dubios vor. Die Curzon-Line hatte er wohl schon geschluckt. Diesen Irrtum in der Bewertung der Rolle Stalins mussten dann viele deutsche Kommunisten in ihrem Exil in Moskau mit dem Leben bezahlen. Sie glaubten zu sehr und achteten dabei zu wenig auf ihr persönliches Wohlergehn. Altruismus in solchen Zeiten ist lebensgefährlich.
    MfG dubidomo

    Frau Merkel ist menschenrechtfeindlich gemäss der Artikel 14, 15, 23, 24 und 25 der UNO-MENSCHENRECHTERKLÄRUNG!

  6. #26
    Kartoffelknülch Benutzerbild von Dubidomo
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    Standard AW: Der Reichstagsbrand (mit viel Text)

    Zitat Zitat von Hellmann Beitrag anzeigen
    Sehr guter Eröffnungstext.

    Allerdings fehlen da zwei wichtige Leute:

    1. Putzi Hanfstaengl

    2. Sefton Delmer

    Die Rolle dieser beiden habe ich mal im Politikforum näher betrachtet.

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    Man muß leider den Strang durchlesen, weil ich das jetzt nicht alles noch einmal zusammenfassen will.

    Jedenfalls ist davon auszugehen, dass mit Sefton Delmer und Hanfstaengl die britische Regierung und die US-Botschaft von der Brandstiftung informiert waren und Hitler mit entsprechenden öffentlichen Beschuldigungen hätten verhindern können.
    Darum vertrete ich die These, dass Hitler, wie das deutsche Gewerkschafter 1934 zu spüren bekamen und wie das J. Fest in seinem Werk "Hitler" für 1938 beschreibt, von den Briten massiv unterstützt worden ist. Mittels des geldreichen Charles Edward von Sachsen etc. waren zwei Dinge gegeben: Die Verbindung nach GB wie auch das benötigte Geld für den Aufstieg und die Ausbildung der Multiplikatoren vor 1930.
    Und so ein "Verhören" des franz. Botschafters ist gut zur Verwirrung der Historiker, die dann über viele solcher Dubiositäten sich in die Wolle kriegen können. Das behindert den Prozess der Wahrheitsfindung ungemein. Was will man mehr im Lager der Auftrageber? Und je länger es dauert bis zur vollen Aufklärung, um so länger kann man sich an den Früchten seiner Verbrechen erfreuen und um so weniger wird hinterher revidiert werden können. Denn wer wird die seit bald drei Generationen in den ehemaligen deutschen Ostgebieten siedelnden Polen noch rauswerfen können?
    MfG dubidomo

    Frau Merkel ist menschenrechtfeindlich gemäss der Artikel 14, 15, 23, 24 und 25 der UNO-MENSCHENRECHTERKLÄRUNG!

  7. #27
    Freigeist Benutzerbild von Nereus
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    Standard Reichstagsbrand - 9/11 - NSU..............

    Lesestunde für Geschichtsinteressierte (Teil I)
    Wie der „Kampf gegen Links“ durch den preußischen Innenminister und die Berliner politische Polizei 1933geführt wurde.

    Hermann GÖRING, ab Jan. 1933 kommiss. Preußischer Innenminister
    Rudolf DIELS, Chef der Berliner politischen Polizei
    Walter ZIRPINS, Berliner politische Polizei
    Im Januar 1933 wurde Zirpins in die Abteilung I A (Politische Polizei) beim Polizeipräsidium Berlin versetzt. In dieser Eigenschaft war er einen Monat später maßgeblich in die Ermittlungen anläßlich des Reichstagsbrands in der Nacht vom 27. zum 28. Februar 1933 involviert: Als Mitglied der provisorischen Brandkommission vernahm er als einer der ersten den Tatverdächtigten Marinus van der Lubbe und begleitete diesen am Tag nach dem Brand bei einer Tatortbegehung, bei der Lubbe die Durchführung des Brandes vorführen sollte. Bei seinen Vernehmungen des Verdächtigen fälschte Zirpins nach aktuellem Forschungsstand „dessen Aussage [...] bewusst, um die These von der Alleintäterschaft (van der Lubbes) zu erhärten.“[3] Außerdem trat Zirpins einige Monate später als Sachverständiger im sogenannten Reichstagsbrandprozess auf.

    Bahar/Kugel, »Der Reichstagsbrand – Wie Geschichte gemacht wird« edition q, 2001:
    Rekonstruktion der Reichstagsbrandstiftung
    Die Reichstagsbrandstiftung kann nach den vorliegenden Fakten - allerdings nur unter allen Vorbehalten eines Indizienbeweises - folgendermaßen rekonstruiert werden:
    Die Tat muß bereits einige Zeit vor dem 27. Februar 1933 geplant worden sein. Die Idee dazu scheint auf den NSDAP-Propagandachef und Wahlkampfleiter für die Reichstagswahlen am 5. März 1933, Joseph Goebbels, zurückzugehen. Das Ziel war die Ausschaltung der KPD, um den Rechtsparteien nach Kassierung der KPD-Mandate eine (knappe) parlamentarische Mehrheit zu verschaffen. Göring stellte seine Möglichkeiten als Reichstagspräsident sowie seine tätige Mitarbeit unter Benutzung des Reichstagspräsidentenpalais zur Verfügung, das über einen unterirdischen Gang mit dem Reichstagsgebäude verbunden war. SA-Gruppenführer Graf Helldorf und der Chef der von Göring neu organisierten Politischen Polizei, Rudolf Diels, waren eingeweiht. SA-Untergruppenführer Karl Ernst, Mitglied des Reichstags, übernahm das Oberkommando der Aktion.
    Spätestens 1932 hatte der SA-Sturmführer Hans Georg Gewehr für die SA ein selbstentzündliches Brandmittel entwickelt und in SA-Kreisen demonstriert. Diese selbstentzündliche Flüssigkeit (Phosphor in Schwefelkohlenstoff) wurde von einem SA-Sonderkommando verschiedentlich angewendet.
    Einige Zeit vor dem Brand deponierte ein SA-Sonderkommando aus dem Wedding (Sturm 17 oder 101) - vermutlich unter Mitwirkung des später von der Gestapo ermordeten SA-Mannes Adolf Ball - im Keller des Reichstagspräsidentenpalais ode im unterirdischen Gang zum Reichstagsgebäude Brandmittel (Phosphor, Mineralöl, Benzin, Fackeln).
    Am 27. Februar 1933 um etwa 20 Uhr gelangte ein Kommando von minimal 3, maximal 10 SA-Leuten unter Führung von Hans Georg Gewehr in den Keller des Reichstagspräsidentenpalais. Das Kommando nahm die deponierten Brandmittel, drang durch den unterirdischen Gang vom Reichstagspräsidentenpalais in das Reichstagsgebäude ein und präparierte dort insbesondere den Plenarsaal mit einer wahrscheinlich erst hier angemischten selbstentzündlichen Flüssigkeit, die nach einer gewissen Latenzzeit den Brand im Plenarsaal auslöste. Das Kommando entkam wieder durch den unterirdischen Gang und den Keller des Reichstagspräsidentenpalais (möglicherweise auch durch die anschließenden Keller zum Maschinenhaus und Beamtenhaus) auf die öffentliche Straße „Reichstagsufer". Göring betrat spätestens um 21.19 Uhr allein das brennende Reichstagsgebäude, wahrscheinlich, um den Rückzug der Brandstiftertruppe zu decken.
    Van der Lubbe wurde genau um 21 Uhr von der SA zum Reichstagsgebäude gebracht und in dieses eingelassen. Der Plenarsaal war bereits präpariert. Das von Zeugen bemerkte Klirren der von van der Lubbe für seinen Einstieg angeblich eingeschlagenen Scheiben diente wahrscheinlich nur dazu, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erregen. Der Holländer wurde als einzig greifbarer Täter und Strohmann geopfert.

    Und hier ein Auszug aus Meissner (Sohn von Dr. Otto Meissner, Staatssekretär von 1918-1945) / Wilde: Die Machtergreifung - Die Technik des nationalsozialistischen Staatsstreichs u.a. nach Mitteilungen von Diels. (ab S. 200 ff)
    »Dr. Goebbels hat für die Wahl des Reichstages am 5. März 1933 ganz eigene Pläne. Er gibt sich nicht der Illusion hin, daß die NSDAP auf legale Weise die Zweidrittelmehrheit erobern kann, mit der es möglich ist, auf elegante Weise von dem Ehrenwort loszukommen, daß Hitler so großzügig gab. Daß die Deutschnationalen die Regierung verlassen müssen, steht für jeden führenden Nationalsozialisten fest. Man braucht Ministerposten für die eigenen Leute, und mit den Deutschnationalen kann man keinen totalitären Staat nach nationalsozialistischem Muster errichten. Es bedarf also eines überzeugenden Anlasses, um die Notwendigkeit von Ausnahmezustand und Sondergesetzen zu begründen. Die von Hitler beschworene Weimarer Verfassung kann nur „auf verfassungsmäßigem Wege" außer Kraft gesetzt werden. Dr. Goebbels ist um eine Lösung nicht verlegen.
    „Der bolschewistische Revolutionsversuch muß zuerst einmal aufflammen!"
    schrieb er am 31. Januar in sein Tagebuch. Daß er nicht von selbst aufflammen wird, weiß er. Seine Verbindungsmänner in den kommunistischen Organisationen haben ihm über die letzten Entwicklungen in der KPD und der SPD Meldung gemacht. Also muß man nachhelfen. Der kleine hinkende Doktor verfällt dabei auf das klassische Mittel eines „Attentates". Dabei darf Hitler natürlich nicht zu Schaden kommen, das ist die Voraussetzung.
    Als Tag des „Attentates" merkt Goebbels in seinem Kalender den 27. Februar vor, den letzten Montag vor der Wahl. Am Sonntag darauf geht das deutsche Volk dann zur Urne. Der Schock und alle Maßnahmen, die als Folge eines Anschlages gegen Hitler noch zu treffen sind, müssen sich aber noch vor der Wahl auswirken. Sie haben nicht nur die Kommunisten und Sozialdemokraten, sondern auch die gegnerischen bürgerlichen Kreise schachmatt zu setzen. In der Liste der Großkundgebungen, die Goebbels aufsetzt, werden sowohl der 25., wie auch der 26. und 27. Februar ausgespart, wobei offen bleibt, ob Hitler nicht doch noch am 25. in irgend einer Stadt spricht. Seine Anwesenheit bei den Vorbereitungen ist nicht erforderlich, im Gegenteil, er muß herausgehalten werden, um für alle Fälle eine Rückzugslinie offenzuhabent. Vorgesehen wird von Goebbels, am 27. Februar gegen das Auto des Reichskanzlers eine „Bombe" werfen zu lassen, um den Ausnahmezustand verhängen zu können.

    Doch der Plan wird verraten! Jedenfalls warnt etwa zwei Wochen vorher der kommunistische Abgeordnete Wilhelm Pieck in einer der letzten Versammlungen, die die KPD noch abhalten kann, öffentlich vor einem Attentat auf Hitler. Auch der kommunistische Abgeordnete Ernst Torgler spricht am 23. Februar in einer Sitzung des Preußischen Staatsrates, an der auch der Kölner Oberbürgermeister Dr. h. c. Konrad Adenauer teilnimmt, von einem „Attentat" auf Hitler, allerdings ohne zu ahnen, daß Goebbels den ursprünglichen Plan längst abgeblasen hat, und daß die Vorbereitungen für einen raffinierteren Anschlag gegen die Weimarer Verfassung bereits auf vollen Touren laufen. Denn nicht nur der Anschlag selber muß vorbereitet werden, nicht nur die gesetzlichen Verordnungen und sonstigen Maßnahmen müssen fertig in der Schublade liegen, viel wichtiger ist, in den bis zum 27. Februar zur Verfügung stehenden Wochen alle zentralen Stellen in Preußen mit „vertrauenswürdigen" Personen zu besetzen. Das aber ist Görings Ressort.

    Bereits am Nachmittag nach seiner Ernennung zum preußischen Innenminister war Hermann Göring in Begleitung des Adjutanten Körner zu seinem Amtssitz Unter den Linden gefahren, ausgerüstet mit den Direktiven seines Führers. Die höheren Beamten des Ministeriums saßen schon seit den Mittagsstunden in ihren Amtsräumen, bereit, dem Ruf des neuen Herrn Folge zu leiten. Der Fliegerhauptmann Göring ließ sich vom Pförtner direkt in das Ministerzimmer führen, das seit der Absetzung Severings im Sommer letzten Jahres kaum noch benutzt worden war.
    „Haben wir hier Leute von uns sitzen?"
    fragte er als erstes. Doch bevor sein Adjutant antworten konnte, erinnerte er sich an einen Regierungsrat namens Dr. Rudolf Diels. Er befahl Körner, ihn zu rufen.

    Diels betrat unmittelbar danach das Ministerzimmer und begrüßte den neuen Herrn. Göring ging gleich in medias res.
    „Ich will mit den Halunken, die hier im Hause sitzen, nichts zu tun haben. Gibt es überhaupt hier anständige Menschen?"
    Dr. Diels, jung, frech und unbeschwert, konnte seine Überraschung kaum verbergen, aber er ging schnell auf den Ton ein. Der Staatssekretär des Ministeriums, der Herr von Bismarck, meinte Diels, sei ein ganz honoriger Mann, und der Herr Minister hätte ihn eigentlich sofort empfangen müssen. Göring hob beide Hände.
    „Dieser Kerl soll sich ja nicht vor mir blicken lassen, der wird als erster nach Hause geschickt."
    „Dann empfehle ich Ihnen, mit dem Ministerialdirektor Schütze zu sprechen, dem Chef der Personalabteilung"
    , fuhr Diels fort.
    Göring sah ein, daß er als neuer Minister nicht gleich alle Beamten auf die Straße setzen konnte, und ließ Schütze kommen. Nach der Unterredung mit ihm meinte er dann zu Diels, er, Göring, habe durchaus nicht die Absicht, sich als Elefant im Porzellanladen zu benehmen, ohne näher zu erläutern, was er sich darunter vorstelle.
    Görings guter Vorsatz hielt ganze zwei Tage an. Dann hatte er sich eingelebt und begann zu regieren.

    Einer der ersten von denen, die ihren Abschied bekommen, ist Ministerialdirektor Klausener, Ressortchef der preußischen Polizei. An seine Stelle setzt Göring einen „Gefolgsmann" Himmlers, den Angestellten der Berliner Müllabfuhr und Chef der Berliner SS, Kurt Daluege. Dieser alte Parteigenosse hatte sich bei der Rebellion der Berliner SA im Jahre 1930 gewisse Verdienste erworben. Daß nicht nur Dalueges Feinde, sondern auch seine engsten Freunde von ihm behaupten, er zeichne sich durch besonderen Mangel an Intelligenz aus, stört Göring nicht, auch nicht, daß die vorlauten Berliner SA-Männer den neuen Protege des Innenministers „Dummi-Dummi" nennen. Vielleicht betrachtet er das sogar als einen Vorzug.
    Kurt Daluege kommandiert die preußische Polizei, und wird von Göring nach einigen Wochen sogar zum General befördert. Auch ein Oberst darf sich noch die Generalstressen an seine Polizeiuniform heften: Herr Stielen von Heydekamp. Er wird Chef der westdeutschen Polizeieinheiten mit dem Sitz in Dortmund und soll das Ruhrgebiet gegen mögliche kommunistische Aufstände absichern. Major Wecke aber, der am 29. Januar die Berliner Polizeieinheiten bereitstellte, um den sagenhaften Putschplan Schleichers zu durchkreuzen, wird Führer einer motorisierten Polizeitruppe „zur speziellen Verwendung". Alle diese Ernennungen unterzeichnet der kommissarische preußische Ministerpräsident Franz von Papen, Vizekanzler in der Reichsregierung, ohne zu merken, daß sie nur dazu dienen, den Ast abzusägen, auf dem er und seine deutschnationalen Freunde im Kabinett sitzen. Sogar der Auflösung des preußischen Landtages, der ebenfalls am 5. März neugewählt werden soll, stimmt er zu. Auch eine Anzahl Polizeipräsidenten großer Städte werden abgelöst und durch zuverlässige Nationalsozialisten ersetzt. Wo es dennoch gelingt, einen Deutschnationalen vorzuschieben, sorgt Göring dafür, daß ihm ein strammer Nationalsozialist als Sachbearbeiter an die Seite gestellt wird. Nebenher laufen die gesetzgeberischen Maßnahmen. Auch die Gemeindeparlamente in Preußen werden als aufgelöst erklärt und ihre Neuwahl für den 12. März angesetzt, eine Woche nach der Reichstagswahl, die ja die totale Machtergreifung bringen soll. Wenigstens rechnet Goebbels fest damit. Um die Neubildung von Parteien zu verhindern, bestimmt eine Notverordnung, daß zur Einreichung von Wahllisten in Zukunft 60 000 Unterschriften in mindestens einem Wahlkreis notwendig sind, gegen die 500, die bisher genügten. Hitler will sich gegenüber Gregor Strassen abdecken.
    Am 10. Februar spricht er im Berliner Sportpalast. Seine Rede schließt mit den Worten:
    „Das ist mein Glaube: Es wird wieder auferstehen ein neues Deutsches Reich der Größe, der Ehre, der Kraft und der Herrlichkeit! Amen!"
    Solche Sätze wirken um so mehr, als die Propaganda der anderen Parteien, sogar die der Deutschnationalen, mehr und mehr behindert wird. Eine Notverordnung legt der Presse so viele Fesseln an und wird so ungünstig ausgelegt, daß es Beschlagnahmen und Verbote von kommunistischen, sozialdemokratischen und linksbürgerlichen Zeitungen nur so hagelt. Papen wird allmählich klar, was im Kommen ist. Verzweifelt bemüht er sich, eine „Christlich-Nationale Einheitsfront" zustande zu bringen, aber es reicht nur zu einer „Kampffront Schwarz-Weiß-Rot", die faktisch nicht mehr ist als die alte DNVP. Nachdem Göring die Kommandostellen der Polizei umbesetzt hat, erläßt er einen Schießbefehl. Darin heißt es:
    „Dem Treiben staatsfeindlicher Organisationen ist mit den schärfsten Mitteln entgegenzutreten. Polizeibeamte, die in Ausübung dieser Pflichten von der Schußwaffe Gebrauch machen, werden, ohne Rücksicht auf die Folgen des Schußwaffengebrauchs, von mir gedeckt; wer hingegen in falscher Rücksichtnahme versagt, hat dienststrafrechtliche Folgen zu gewärtigen."
    In einer Rede in Essen ergänzt Göring diesen Erlaß mit den Worten:
    „Wennn wir auch vieles falsch machen, wir werden jedenfalls handeln; lieber schieße ich ein paarmal zu kurz oder zu weit, aber ich schieße wenigstens."
    Noch deutlicher wird er am 20. Februar vor Berliner Polizeibeamten:
    „Mit einer Polizei, die Disziplinarverfahren zu fürchten hat, wenn sie ihre Pflicht tut, kann ich gegen den roten Mob nicht vorgehen. Die Verantwortung muß wieder richtiggestellt werden. Sie liegt nicht bei dem kleinen Beamten auf der Straße, sondern ich muß in Euer Hirn hineinhämmern, daß die Verantwortung bei mir allein liegt. Ihr müßt Euch klarmachen: Wenn Ihr schießt,, so schieße ich. Wenn einer tot liegt, habe ich ihn erschossen, wenn ich auch oben im Ministerium sitze, denn das ist meine Verantwortung allein."
    Mitte Februar wird durch eine Notverordnung bestimmt, daß die SA, SS und der Stahlhelm als „Hilfspolizei" herbeigezogen werden können. Es genügt hierfür eine einfache weiße Armbinde und der neue Exekutivbeamte des Staates ist fertig. Er kann Verhaftungen und Haussuchungen vornehmen und er kann schießen, ohne befürchten zu müssen, zur Rechenschaft gezogen zu werden. „Wenn einer tot liegt", so hat ihn ja nicht der Hilfsbeamte, sondern der Herr Minister erschossen.

    Aber alle Provokationen und offenen Verfassungsbrüche fruchten nichts. Weder die Linksparteien noch die der Mitte lassen sich zu offener Auflehnung hinreißen, von kleineren örtlichen Zwischenfällen abgesehen. Der „bolschewistische Revolutionsversuch", von dem Goebbels am 31. Januar so erwartungsvoll schrieb, will und will nicht „aufflammen". So bleibt ihm nichts anderes übrig, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Denn wenn nichts geschieht, wird die Wahl am 5. März als totes Rennen ausgehen und die NSDAP nicht die Alleinmehrheit erzielen, die sie braucht, um die totale Macht zu erringen.

    Einer der ungezählten V-Männer, die in Berlin ihr Brot mit dem Zusammentragen von „Nachrichten" verdienen, ist der Dauererwerbslose Paul Waschinski. Die Angaben über ihn erhielt derAutor HW (Harry Wilde) in Paris bereits seit 1934 von einem SA-Mann, der nach dem sogenannten „Röhmputsch" fliehen mußte. Dieser SA-Mann war mit Paul Waschinski befreundet. Anfang 1933 arbeitet Waschinski, sozusagen „hauptberuflich", für den SA-Obergruppenführer von Berlin-Brandenburg, Graf Helldorf, sucht aber auch noch bei anderen Stellen sein Wissen gegen klingende Münze zu verkaufen. Das ist an sich nichts Außergewöhnliches, denn erfahrungsgemäß arbeiten fast alle Agenten für zwei Seiten.
    Waschinski war früher als „Medium" und „Mann aus dem Saale" für den „Hellseher" Erik Jan Hanussen (Herschel Steinschneider, vormals jüd. Gemeinde Wien) tätig. Obwohl er Mitte des Jahres 1932 zu Helldorf hinüberwechselte, blieb er seinem alten Chef „treu". Fast täglich informiert er Hanussen telephonisch oder mündlich über gewisse Vorgänge in der SA und NSDAP. Die Arbeitslosenunterstützung ist nicht hoch, und Hanussen zahlt gut. Er braucht auch die Informationen Waschinskis dringend. In seinem Organ „Hanussens Bunte Wochenschau" veröffentlicht er regelmäßig “wissenschaftliche Horoskope", die einigermaßen stimmen müssen. Glücklicherweise ist Graf Helldorf recht vertrauensselig und plaudert manches aus. Waschinski, ein wacher Berliner Junge, hört gut zu, hat eine ausgezeichnete Kombinationsgabe und weiß auch genau, was Hanussen benötigt. Als Goebbels das „Attentat gegen den Führer" plante, suchte er eifrig nach einem „Attentäter". Sich an Röhm zu wenden, hielt er nicht für günstig. So fragte er Helldorf, der ihm dann Paul Waschinski empfahl. Goebbels ließ sich Waschinski kommen, fand ihn aber nicht geeignet. Der Junge war ihm einerseits zu wach, andererseits nicht taktfest genug. Einem Verhör durch gewiegte Berliner Kriminalbeamte würde er bestimmt nicht standhalten. Inzwischen hat Goebbels den „Attentatsplan" abblasen müssen. Dazu war er noch krank geworden und konnte nur vom Bett aus seine Direktiven geben. Das war recht hinderlich, denn geschehen wußte etwas. Der 27. Februar rückte immer näher, und den ganzen Versammlungsplan umzuwerfen, war nahezu unmöglich. Aber die Sache war zu delikat, als daß er sie anderen anvertrauen konnte.

    Paul Waschinski hatte schnell begriffen, daß etwas in der Luft lag. Warum ließ ihn Goebbels kommen? Warum läßt Graf Helldorf Listen von Kommunisten aufstellen? Sollen diese verhaftet werden? Warum wird er immer wieder ausgeschickt, um nach „terroristischen Kommunisten" Ausschau zu halten, und warum ist man so enttäuscht, wenn er nichts zu melden weiß?
    Als sich Waschinski sein Bild gemacht hat, geht er zu Hanussen und erzählt ihm, was er weiß, was er aufschnappte und was er kombinierte. Der „Hellseher" ist über die Primitivität des „Attentat"-Planes entsetzt. Jedenfalls spielt er meisterhaft seine Erregung über das Attentat gegen den „Führer", der dabei doch „zu Schaden kommen" könne. Außerdem, meint er, wer sei schon bei einem Attentat dabei? So ein paar zufällige Straßenpassanten, mehr nicht. Aber wenn man schon etwas startete, dann müßten Tausende zusehen können, wie bei einem Großfeuer, zum Beispiel im Rathaus oder im Schloß oder gar im Reichstag.
    Damit ist ein verhängnisvolles Wort gefallen. Über Waschinski kommt es zu Helldorf und Goebbels. Der Propagandachef der NSDAP erkennt sofort die unwahrscheinlichen Möglichkeiten, die in der Idee stecken. Zwar ist es ein ungeheuerliches Verbrechen, zum Beispiel den Reichstag anzuzünden, aber das gerade ist das Beste daran. Niemand wird den Nationalsozialisten so etwas zutrauen, aber sehr wohl den Kommunisten. Die Hunderttausende, ja Millionen, die in Berlin und in den Wochenschauen der Kinos ein öffentliches Gebäude brennen sehen, wird Entsetzen packen. Das ist der große Wahlschlager, nach dem Goebbels suchte. Daß er nicht von selber darauf kam! Sagte der Führer nicht einmal, er werde die „Schwatzbude am Platz der Republik" nie
    betreten?

    Goebbels, der noch an den Nachwirkungen einer Grippe leidet, beauftragt Helldorf, der ebenfalls Abgeordneter ist, das Reichstagsgebäude auf diese Möglichkeit hin zu inspizieren. Der Graf meldet sich schon am nächsten
    Tage im Palais des Reichstagspräsidenten, weiht aber Göring, getreu den Anweisungen von Goebbels, nicht ein. Morphinisten sind geschwätzige Leute! Daß allerdings für den 27. Februar etwas geplant ist, weiß Göring schon lange. Darüber wurde ganz offen im engsten Führerkreis gesprochen, und für diesen „Tag X" bereitet er ja die Verhaftungslisten vor. Nur das Datum muß noch
    eingefügt werden.

    Das Palais des Reichstagspräsidenten wird von einer Stabswache der SA beschützt. Diese Leute unterstehen dem direkten Kommando von Oberführer Ernst, einem Untergebenen Helldorfs. Der Graf zeigt sich um die Sicherheit des Herrn Präsidenten und preußischen Innenministers Hermann Göring sehr besorgt. Bei dem Rundgang durch das Palais besichtigt er auch das Maschinenhaus im Garten. Die Heizungsanlagen dieses Hauses erwärmen den ganzen Gebäudekomplex. In einem mannshohen Gang, der sich bequem begehen läßt, führen die Heizungsrohre unter der Friedrich-Ebert-Straße zu dem Reichstagsgebäude hinüber. Gruppenführer Graf Helldorf und sein Adjutant Oberführer Ernst lassen sich die Gittertore zum Heizungsgang aufschließen und dringen ein. Es öffnet sich vor ihnen ein Labyrinth von Gängen, mit Abzweigungen und Sackgassen, eine richtige unterirdische Festung. Die beiden brauchen mehr als eine Stunde, um zurückzufinden. Vom unterirdischen Gang aus führen Luftschächte zur Portierloge im Palais des Reichstagspräsidenten. Der Nachtwächter Adermann hört in der Loge etwa acht Tage vor dem Reichstagsbrand Schritte. Er kontrolliert daraufhin die Eingänge, vermag aber nichts Verdächtiges zu entdecken. Doch trägt er seine Wahrnehmung in das Meldebuch ein. Scranowitz, der Hausmeister des Reichstags, liest anderntags diese Bemerkung und meldet den Vorfall seinem Vorgesetzten Hermann Göring, der daraufhin von Ernst eine Verstärkung der Stabswache verlangt. Pflichteifrig tut Scranowitz noch ein übriges. Er spannt am Abend um die Gitterstäbe der Eingangstüren zum unterirdischen Gang unauffällige Fäden und Papierstreifen und legt auch kleine Holzklötzchen auf die Stufen. Tags darauf sind die Fäden zerrissen und die Klötzchen verschoben. Es war also wieder jemand im Gang. Auch in den folgenden Nächten wiederholt sich dieser Vorgang.
    Bei der zweiten Besichtigung bringt Ernst eine Gruppe Leute mit, in Berlin unter den Buchstaben „ZbV" (Zur besonderen Verwendung) bekannt. Sie müssen gut einexerziert werden, damit sie sich in der entscheidenden Nacht nicht verlaufen.
    Als Brandstoff sieht Ernst eine Mischung aus Benzol, Phosphor und Sangajol vor, die sich je nach der Zusammensetzung nach einer genau abzustimmenden Zeit von selbst entzündet. Die Gruppe ZbV hat damit im vergangenen Jahr ausgezeichnete Erfahrungen gemacht. In regelrechten Schulungskursen lernte sie, Litfaßsäulen, die gegnerische Wahlplakate trugen, mit dieser Flüssigkeit zu besprühen. Dutzende von Reklamesäulen gingen in Flammen auf, ohne daß je einer der Brandstifter gefaßt werden konnte.

    Am 25. Februar 1933 ist man startbereit. Die „Kriegsspiele" im unterirdischen Gang sind zufriedenstellend verlaufen, jeder der Leute von Ernsts Gruppe ZbV weiß, was er zu tun hat. Der Brandstoff ist ausprobiert und genau auf zwanzig Minuten eingestellt. Im Gaubüro liegen die im Polizeipräsidium ausgestellten Verhaftungsbefehle bereit, im Reichsministerium des Innern die gesetzlichen Verordnungen, die dazu dienen sollen, den Brand politisch auszuwerten - alles ist vorbereitet, bis auf eines: der „Attentäter" für die Öffentlichkeit fehlt noch. Bis zur Stunde ließ sich kein „Kommunist" oder „Sozialdemokrat" auftreiben, den man verhaften lassen kann, um ihm dann nach sowjetischem Vorbild den Prozeß zu machen. Aber im letzten Moment soll sich auch das noch finden.«

    Fortsetzung: Ein Brandstifter wird gefunden und präpariert

  8. #28
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    Standard AW: "Dönermorde"..... NAZI-Hysterie und der Verfassungsschutz

    Lesestunde für Geschichtsinteressierte (Teil II)
    Wie der „Kampf gegen Links“ durch den preußischen Innenminister und die Berliner politische Polizei 1933geführt wurde.

    Ein Brandstifter wird gefunden und präpariert

    »In den Niederlanden gibt es eine politische Gruppe, die sich „Raden-Communisten" - Räte-Kommunisten - nennt. Sie leitet ihr Programm jedoch nicht von der kommunistischen, marxistischen Weltanschauung ab, sondern vom Anarchismus. Leiter dieser Gruppe ist der ehemalige Matrose Sierach, einer der Rädelsführer bei der Meuterei auf dem niederländischen Panzerkreuzer „Zeven Provincien". Nach Verbüßung einer hohen Zuchthausstrafe ließ er sich in Rotterdam nieder und gründete dort die Bewegung der „Raden
    Communisten".
    Groß ist diese Gruppe nicht. Zu ihren vielleicht fünfzig, höchstens hundert Anhängern gehören Arbeiter, verkrachte Kleinbürger und ein paar Intellektuelle. Auch ein Maurer Marinus van der Lobbe gehört dazu. Ziel der Gruppe ist „die direkte Aktion", das heißt: die Vernichtung der Rathäuser, Schlösser, Gefängnisse, Kasernen, Gerichtsgebäude und so weiter, die ihnen als „Zwingburgen des Kapitalismus" gelten. Ein Parlament lehnen die Raden-Communisten ab. Sie bekämpfen auch erbittert die Sozialdemokraten und selbst die Kommunisten. Allerdings kam es in den Niederlanden nie zu schweren Terrorakten der Anhänger Sierachs. Ihre Agitation blieb bloße Theorie. Nur bei dem augenkranken und nur halb arbeitsfähigen van der Lubbe und in Deutschland soll sich die Lehre auswirken.

    Am 28. Januar 1933, am Tage von Schleichers Rücktritt, aus der Augenklinik entlassen, fährt van der Lubbe zwei Tage später nach Rotterdam zu seinem Freunde Sierach. Die Zeitungen melden gerade, daß Adolf Hitler Reichskanzler geworden ist. Fast alle Kommentatoren sagen revolutionäre Entwicklungen voraus. Man kann sich im Ausland nicht vorstellen, daß die mächtige deutsche Arbeiterbewegung den Regierungsantritt Hitlers ruhig hinnehmen wird. Sierach krümmt sich vor Magenschmerzen und äußert seinem Gast gegenüber:
    Jetzt müßte man in Deutschland sein. Dort reife eine Situation heran, wie nie zuvor in der Geschichte. Die KPD hätte abgewirtschaftet, ebenso die SPD und erst recht „die Pfaffen". Wenn man jetzt die Arbeiter lehre, ihr Schicksal selber in die Hand zu nehmen, wenn man ihnen beweise, daß Stempelstellen und Rathäuser nur Mittel der Bourgeoisie seien, die Arbeiterschaft bei der Stange zu halten, wenn man also diese Stempelstellen und Rathäuser vernichte, dann müsse doch das Proletariat alles selbst in die Hand nehmen.
    Auf van der Lubbe machen diese Ausführungen einen starken Eindruck. Er steht noch unter der Schockwirkung seiner Erkenntnis, früher oder später zu erblinden. Sein sonst so gesunder kräftiger Körper rebelliert gegen die Aussicht, abseits vom Leben stehen zu müssen, als Blinder auf die Hilfe fremder Menschen angewiesen zu sein. Er springt auf und sagt, er werde nach Deutschland gehen, „um noch eine Tat zu tun", auch wenn er im „Feuer der Revolution'" verbrennen müsse.
    Nachdem er sich von Sierach verabschiedet hat, trampt er zurück nach Leiden, holt seine wegen des Klinikaufenthaltes aufgelaufene Rente ab, erbettelt sich von seinem Bruder einen Anzug und macht sich am 3. oder 4. Februar auf den Weg nach Deutschland. Achtundvierzig Stunden später überschreitet er die Grenze.

    Am 17. Februar nächtigt van der Lubbe im Obdachlosenasyl in Glindow bei Werder (Potsdam). Von da an läßt sich sein Weg bis zum 27. Februar 1933, dem Tage des Reichstagsbrandes, genau verfolgen.
    Van der Lubbe ist kein guter Redner, auch beherrscht er die deutsche Sprache nur unvollkommen, aber in der Unterhaltung mit Kameraden steht er seinen Mann. Er hat es gern, wenn man ihm zuhört, wenn man seine Abenteuer bewundert und über seine Streiche lacht, die er den holländischen Behörden spielte.
    Als er am 18. Februar zum ersten Mal in Berlin in dem Männerheim in der Alexandrinenstraße übernachtet, sitzt unter den Zuhörern ein junger Bursche mit schwarzem Mantel und langen schwarzen Schaftstiefeln. Schnell schließt Lubbe mit ihm Freundschaft, und am nächsten Morgen machen sich beide zusammen auf den Weg in die Stadt. Marinus van der Lubbe nennt seinen Vornamen: Rinus, und Waschinski den seinen: Paule. Rinus erzählt von seiner revolutionären Vergangenheit. Daß er im Arbeitsamt Fensterscheiben einschlug, genügt natürlich nicht. Es müssen die dutzendemale gehörten revolutionären Taten von Sierach herhalten. Rinus, der angeblich auch den Kanal durchschwamm und sogar in der Sowjetunion war, wächst in seine Rolle als Anführer einer Matrosenrevolte immer mehr hinein. Paul Waschinski ist nicht auf den Kopf gefallen, aber wann die holländischen Matrosen Revolution machten, weiß er nicht. Wüßte er es, könnte er nachrechnen, daß dieser Rinus damals genau neun Jahre alt gewesen war. Aber da ist noch etwas anderes. Waschinski hat ja den Auftrag, zu revolutionären Taten bereite Kommunisten zu suchen. Als er fragt, welcher Partei Rinus angehört und dieser antwortet: „Raden-Communisten", hört er nur das Wort „Kommunisten". Das genügt ihm.

    Waschinski beschließt, seinem Gruppenführer Graf Helldorf von seiner Entdeckung Mitteilung zu machen. Helldorf ist auch interessiert, verweist aber Waschinski an Goebbels. Der Propagandachef der NSDAP erkennt sofort, daß dieser sagenhafte „kommunistische Großagent" ein Aufschneider ist. Er vermutet auch richtig, daß Waschinski die Erzählungen Lubbes noch etwas ausschmückte. Dennoch gibt ihm Goebbels den Auftrag, den Holländer nicht mehr aus den Augen zu lassen. Die Berichte über diesen Lubbe soll Waschinski an den Gruppenführer Graf Helldorf geben. Inzwischen hat Göring das Hauptquartier der KPD, das Karl-Liebknecht-Haus am Bülowplatz, durchsuchen lassen, ohne daß man belastendes Material fand. SA-Leute leisteten dabei zum ersten Mal als Hilfspolizisten Dienst. Wenige Tage später meldet sich im Polizeipräsidium ein Mann, der behauptet, es gäbe im Karl-Liebknecht-Haus einige „Geheimkeller". Offensichtlich hat er selber mit an der Tarnung gearbeitet. Genau eine Woche nach der ersten Durchsuchung sperren Dutzende von Überfallwagen, Lastwagen, Polizei auf Motorrädern, verstärkt durch SA-Hilfspolizisten, den gesamten Gebäudekomplex von neuem ab. Man findet auch die Eingänge zu den „Katakomben", die mit allen möglichen Papieren und Broschüren vollgepackt sind. Schwitzend laden die Polizeibeamten das Material auf Lastwagen. Göring triumphiert. Das ist der große Schlag. Denn unter den Schriften finden sich auch einige Exemplare der berüchtigten Broschüre „Die Kunst des bewaffneten Aufstandes". Den Fachleuten der Abteilung IA des Berliner Polizeipräsidiums ist diese Schrift und auch ihr ungenannter Autor, der kommunistische Reichstagsabgeordnete Hans Kippenberger, seit Jahren bekannt, aber Göring sieht das Heft zum ersten Male. Noch wichtiger erscheint ihm das Protokoll einer ZK-Sitzung vom 21. Februar 1932, das sich unter den wenigen beschlagnahmten Parteiakten befand. Es heißt darin:
    „Die Partei der Arbeiterklasse muß, ohne die Legalität aufzugeben, aber ohne diese auch nur einen Augenblick zu überschätzen, die legale Arbeit mit der illegalen vereinigen, wie 1911 und 1914. Nicht eine Stunde lang die illegale Arbeit im Stich lassen. Aber auch an die konstitutionellen und friedlichen Illusionen nicht glauben.
    Sofort und überall und für alles illegale Organisationen oder Zellen gründen, für die Herausgabe von Flugblättern usw.... Sich sofort umstellen, konsequent, beharrlich auf der ganzen Linie."
    Nach diesen Sätzen bleibt es rätselhaft, warum die Kommunisten nicht putschen. Zwar rufen sie in ihren hektographierten Zellenzeitungen immer wieder zum Widerstand auf, doch von einer zentralen Leitung ist nichts zu merken. Die Fachleute für kommunistische Tätigkeit im Berliner Polizeipräsidium allerdings wundern sich gar nicht. Diese „Anweisung" in dem ZKProtokoll ist ein uraltes Zitat von Lenin, und zum andern wußte die Polizei seit Jahren immer wenige Stunden nach einer ZK-Sitzung, was dort besprochen worden war. Die Abteilung IA hat überall ihre Vertrauensleute sitzen, und in den letzten Tagen meldeten sich zusätzliche Dutzende von „Rückversicherern", die nun ihre Kenntnisse an den Mann bringen. So weiß man auch, daß die Leiter des verbotenen RFB vor Wochen abberufen wurden und einer von ihnen sogar in die UdSSR fahren mußte. Ohne zentrale Leitung kommt es aber in Deutschland zu keiner Revolution. Auch Goebbels läßt sich die Ergebnisse der beiden Haussuchungen vorlegen. Er hält sie ebenfalls für recht mager, und es bedarf seiner ganzen Kunst, etwas daraus zu machen. Der „Tag X", der 27. Februar, steht unmittelbar vor der Tür. Es wäre nicht gut, gleich mit dem Reichstagsbrand zu beginnen. Es muß schon vorher etwas passieren, als Auftakt sozusagen, um die träge und denkfaule Masse vorzubereiten.
    Aber statt daß sich der Widerstand der Linken versteift, sinkt er merklich ab. Sogar die üblichen täglichen Schlägereien fehlen, seit die SA zur Hilfspolizei ernannt wurde und offiziell Waffen tragen darf. Doch der kleine Doktor hat Glück. Am 25. Februar, also gerade noch vor Torschluß, leider an einem Samstag, der die sofortige journalistische Auswertung behindert, brennt es in Berlin an mehreren Stellen.

    Der Berliner Stadtteil Neukölln ist eine der Hochburgen des hauptstädtischen Kommunismus. Bis zum 30. Januar beherrschte hier Rot-Front die Straße. Darin ist nun eine gründliche Wandlung eingetreten. Seit Hitler Reichskanzler geworden ist, zieht die SA, singend und offen ihre Waffen tragend, durch die Straßen. Die ehemaligen roten Herren dieses Stadtteils stehen mit bösen Gesichtern auf den Bürgersteigen und wagen höchstens mal einen höhnischen Zuruf. Schon dazu gehört Mut, denn die Polizei, bis zum 30. Januar noch verhältnismäßig objektiv, nimmt jetzt offen für die Nationalsozialisten Partei. Einer der politischen Brennpunkte Neuköllns ist die Zweigstelle des Wohlfahrtsamtes am Mittelweg. Dort strömen täglich Tausende von Erwerbslosen zusammen, lassen sich ihren Kontrollstempel geben oder holen ihr Geld ab. Vor den Schaltern bilden sich lange Schlangen, bis auf die Korridore, ja sogar bis auf den Vorplatz hinaus, verstärkt durch jene, die bereits abgefertigt sind, aber noch eine Weile herumstehen.
    Die Kommunisten, deren Versammlungen praktisch schon seit Tagen verboten sind und deren Zeitungen nicht mehr erscheinen können, aber auch die Sozialdemokraten und andere oppositionelle Gruppen, haben das Hauptgewicht ihrer Agitation in die zahlreichen Stempelstellen verlegt. Hier kostet es keine Saalmiete, kein Kriminalbeamter kontrolliert die Papiere der Redner, und Zuhörer sind in Massen da.

    Vor einigen Tagen hat sich der Erwerbslose Fikowsky, der am Mittelweg zuständig war, das Leben genommen. Die Polizei registrierte als Ursache „Schwermut" und „wirtschaftliche Sorgen", mit anderen Worten: ein alltäglicher Fall, wie er seit Ausbruch der Wirtschaftskrise zu Tausenden in der Polizeiberichten zu finden ist. Neuerdings bringen die Zeitungen solche Meldungen gar nicht mehr. Den Kommunisten allerdings kommt dieser Selbstmord gerade recht, es läßt sich politisch Kapital daraus schlagen. Seit eh und je haben sie alle derartigen Fälle der gerade amtierenden Regierung in die Schuhe geschoben. Die Nationalsozialisten, die sonst gern in das allgemeine Klagelied mit eingestimmt hatten, fühlen sich jetzt nach dem 30. Januar herausgefordert. Es kommt deshalb am Dienstag, dem 21. Februar, auf dem Wohlfahrtsamt Mittelweg zu einer schweren Schlägerei. Beamte alarmieren die Polizei. Sie trifft schnell ein, trennt die Streitenden und nimmt einige Kommunisten fest. Nationalsozia1isten werden nicht mehr verhaftet.
    Auch das ist alltäglich, aber die Erregung brodelt weiter. Heißsporne meinen schimpfend, man sollte am besten „die ganze Bude anzünden". Doch im Ernst denkt niemand daran. Schwerwiegender ist schon die Drohung, es den Nationalsozialisten heimzuzahlen. Der ängstliche Schwager des toten Fikowsky läuft zum nächsten SA-Heim und warnt den Sturm. Er will sich weniger als Spitzel anbiedern, als sich vor möglichen Repressalien schützen. Der Sturmführer gibt die Meldung „pflichtgemäß" an Helldorf weiter, benachrichtigt aber auch die Polizei, die in jene Stempelstelle am Mittelweg eine Wache legt. Doch nichts geschieht. Am Morgen gehen die Polizeibeamten durchfroren und mit steifen Gliedern in ihr Revier zurück. Gruppenführer Graf Helldorf, die Meldung seines Neuköllner Sturms in der Hand, beauftragt Waschinski, in Neukölln Umschau zu halten. Waschinski macht sich auf den Weg. In seiner Begleitung befindet sich Lubbe. Schon seit Samstag, dem 18. Februar, sind sie zusammen, schlafen gemeinsam im Männerheim in der Alexandrinenstraße, dann in der „Palme", im Städtischen Obdachlosenasyl in der Fröbelstraße. Dort wird man schon sehr früh auf die Straße getrieben. Die beiden treffen also am Mittwoch in den ersten Vormittagsstunden am Mittelweg ein.

    Für Waschinski sind solche Plätze die ergiebigsten Jagdgründe. Niemand beachtet ihn, aber man hört allerhand. Auch diesmal würde niemand sagen können, ihn gesehen zu haben, wenn nicht ein an sich unbedeutender Zwischenfall die Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Aber nicht Waschinski fällt auf, sondern der Bursche, der in seiner Begleitung das Barackengelände betritt. Eigentlich ist es „Unbefugten verboten", in die Räumlichkeiten einer Stempelstelle zu kommen, aber in dem Gewimmel fragt niemand danach. Bei einer Gruppe kommunistischer Erwerbsloser bleiben die beiden Burschen stehen. Van der Lubbe kann sich nicht zurückhalten und mischt sich in die
    Debatten ein. Stempelstellen sind seine Welt. In seinem etwas holprigen Deutsch meint er, man müsse alle Arbeitsämter anzünden. Er wisse, wie man Revolution mache, er sei „in der Sowjetunie" gewesen und sozusagen Spezialist auf diesem Gebiet. Stolz zeigt er seinen holländischen Paß mit den zahlreichen Stempeln von Grenzübertritten. Die Debattierenden, die gestern selber meinten, man müsse „die Bude anstecken", erschrecken. Wenn die Stempelbaracke in Flammen aufgeht, bekommen sie womöglich ihre Unterstützung nicht rechtzeitig ausgezahlt. Die Frau wird schimpfen, die Kinder werden vor Hunger weinen, denn die Besitzerin des Grünkramladens gibt schon lange nichts mehr auf Kredit, und überhaupt, ein waschechter Kommunist ist solchen nicht befohlenen Terrorakten abgeneigt. Schimpfen ist etwas anderes, als zur Tat auffordern. Das kann nur ein Provokateur sein. Die Parole der Partei aber lautet: „Laßt Euch nicht provozieren!" Kräftige Fäuste packen Lubbe und schubsen ihn zum Ausgang. Waschinski und der Holländer werden getrennt. Als der Überfallwagen der Polizei eintrifft, stieben alle auseinander. Lubbe wird von einem gutmütigen Arbeiter mitgeschleppt. Er nimmt ihn mit in seine Wohnung, und seine Frau gibt ihm auch etwas zu essen. Sogar die Nacht über darf er dableiben und auf dem Sofa in der Küche schlafen. Am Morgen warnt der Arbeiter seinen holländischen Gast, keine Brandreden auf dem Wohlfahrtsamt zu halten. Überall säßen bereits Spitzel und Provokateure und der junge Mann, mit dem er gekommen sei, käme ihm nicht geheuer vor.
    Lubbe verspricht alles und trottet am Vormittag los, durch die endlosen Straßen der Stadt, ohne Ziel und Plan. Am Abend gerät er in den Strom der Menschenmassen, die zum Sportpalast ziehen. Dr. Goebbels spricht und die riesige Halle gleicht einem brodelnden Meer von Köpfen und Armen. Lubbe sitzt auf der Galerie. Mit seinen schwachen Augen kann er den Fahnenwald unten in dem weiten Rund gerade noch als bunten Farbfleck erkennen. Zu diskutieren wagt er nicht. Er verläßt die Versammlung auch lange vor Schluß.
    Spät trifft er im Männerheim in der Alexandrinenstraße ein. Lieber wäre er wieder in die Fröbelstraße gegangen, denn sein Geld ist knapp geworden, aber das Asyl schließt schon um 7 Uhr seine Pforten. Ihm ist klar geworden, das Ausrufen einer Revolution ist keine so einfache Sache. Am besten scheint ihm, nach Holland zurückzukehren. Wenn er seine Rente, die ihm nachgeschickt wird, erhält, wird er sich wieder auf den Weg machen. Fast fühlt Lubbe so etwas wie Heimweh.
    Am Freitagmorgen ist er schon früh auf den Beinen, lange bevor Waschinski, der ihn seit Mittwoch verzweifelt sucht, nach ihm fragen kommt. Auf dem Postamt C 2 ist das Geld noch immer nicht eingetroffen. Da Lubbe der Hunger quält, geht er wieder nach Neukölln. Vielleicht gibt ihm die Frau, bei der er schon einmal war, etwas zu essen. Doch als er an der Gastwirtschaft Schlaffke vorbeikommt, sieht er einen Auflauf. Dieses kommunistische Verkehrslokal wurde gestern ausgehoben, auf Grund der Anzeige des Schwagers von Fikowsky. Zahlreiche Arbeiter diskutieren über den Fall. Lubbe stellt sich zu ihnen, aber bevor er loslegen kann, nimmt ihn einer der Arbeiter beiseite. „Es ist dicke Luft!" erklärt er ihm. Zu Hause schenkt er ihm dann eine Mütze und einen Mantel. Den ganzem Tag über hält Lubbe sich bei dem Arbeiter auf. Erst nachdem es dunkel geworden ist, geht er zum Männerheim in der Alexandrinenstraße. Dort fühlt er sich sicherer als im Obdachlosenasyl. Im Männerheim bekommt ihn Waschinski wieder zu fassen. Von diesem Moment an wird er seinen „Freund Rinus" nicht mehr loslassen.

    Es ist Samstag, der 25. Februar. Zusammen mit Waschinski trottet Lubbe nach dem Postamt C 2. Die Rente ist diesmal eingetroffen, und die mißliche Stimmung ist wie weggeblasen. Lubbe lebt nicht gern auf Kosten anderer, er gibt lieber, als daß er nimmt. In einem der billigen Lokale der Münzstraße, wo man einen Kartoffelpuffer für fünf Pfennige bekommt, hält er Waschinski aus und erzählt ihm dabei, daß er nach Holland zurückgehen werde. Waschinski erschrickt. Helldorf hat gestern getobt und kategorisch verlangt, diesen holländischen Erzkommunisten wiederzufinden und endlich herumzukriegen, sonst sei er, der Herr Gruppenführer, blamiert. Er habe sich bei Goebbels stark gemacht, und nun stecke womöglich gar nichts dahinter!
    Waschinski redet auf seinen „Freund" ein. Gerade jetzt wolle er zurückgehen, wo der proletarische Aufstand gegen die Nationalsozialisten unmittelbar bevorstehe?
    Gestern Abend im Männerheim schon halb entschlossen, nach Holland zurückzuwandern, horcht Lubbe auf. Wenn er wieder nach Leiden kommt, ohne etwas vollbracht zu haben, wird man ihn auslachen und keiner wird ihm mehr folgen. Einst war er der anerkannte Führer der revolutionären Jugend von Leiden. Wenn er zu irgend einer Aktion aufrief, folgten ihm die Erwerbslosen in Scharen. Aber in der letzten Zeit lachte man schon mehr über ihn, als auf ihn zu hören. Daß er sich den Raden-Communisten in Rotterdam anschloß, war eigentlich nichts anderes als die Flucht in eine neue Gruppe, wo man ihn noch nicht so genau kannte. Und dann, Lubbe wird es bestürzend klar, hat er Sierach versprochen, noch „eine Tat zu tun", bevor - - bevor sich die Nacht über seine Augen senkt. „Wat is mit de Opstand?" fragt er Waschinski. Paul Waschinski tut sehr geheimnisvoll. Eine kommunistische Gruppe, erklärt er, werde „das Signal zum Aufstand geben", und wenn er, der Rinus aus Leiden in Holland, mit seiner großen revolutionären Erfahrung dabei sein wolle, dann könne er mitmachen. Jedenfalls werde er die Verbindung herstellen.

    Van der Lubbe will wissen, was das für eine Gruppe ist. Waschinski kommt diese direkte Frage ungelegen. Genaues weiß er ja selber nicht. Schon der „Hellseher" Hanussen versuchte vergeblich, mehr zu erfahren. Sicher ist nur die Tatsache, daß am kommenden Montag etwas geschehen soll und daß Oberführer Ernst, der Intimus von Graf Helldorf, und die Gruppe ZbV ihre Hand im Spiele haben. Aber Paul Waschinski findet dann doch eine Antwort. Gleich morgen, sagt er, werde er seinen Freund Rinus mit der Gruppe zusammenbringen. Allerdings hätte das einen Haken. Die Mitglieder der geheimnisvollen Terrorgruppe können nicht einfach jeden aufnehmen, der dahergelaufen käme. Die Gefahr des Verrats sei zu groß. Sie verlangen so etwas wie einen Beweis, eine Art Mutprobe. Das Gespräch versandet. Van der Lubbe zahlt, und gemeinsam gehen die beiden jungen Männer nach draußen.

    Unwillkürlich schlägt Lubbe den Weg nach Neukölln ein.
    Vor einem Geschäft bleibt er plötzlich stehen und sieht interessiert durch die beschlagenen Fensterscheiben, ohne etwas erkennen zu können. Forsch stapft er in den Laden. An der Theke stehend, erkennt er, daß es ein Milchgeschäft ist. Aber in den Regalen liegen auch andere Waren. Lubbe ersteht ein Paket Streichhölzer. Vor einem Kolonialwarenladen bleibt er erneut stehen und geht dann kurz entschlossen hinein. Als die Verkäuferin nach seinen Wünschen fragt, zeigt er mit der Hand auf einen Stapel Kohlenanzünder und sagt: „Dinger zum Kacheln!" Die Verkäuferin muß über den merkwürdigen Dialekt lachen und fragt, woher er sei. „Ick ben Rheinländer!” antwortet Lubbe und sagt dabei nicht einmal die Unwahrheit. Auch bei Leiden fließt der Rhein ins Meer.
    In ein drittes Geschäft begleitet ihn Waschinki. Wieder kauft Lubbe „drie Pakjes" Kohlenanzünder. Auf der Straße fragt Waschinski, was das bedeuten soll. Lubbe grinst und sagt: „Ick will het Stempelbarack aansteeken." Waschinski glaubt nicht recht zu hören. „Die Stempelbaracke? Ja warum denn das?"
    Als sie am Mittelweg ankommen, ist es noch nicht ganz dunkel. Sie müssen warten und gehen schweigend auf und ab. Als Lubbe die Zeit für gekommen hält und auch gerade kein Passant zu sehen ist, setzt er über den Zaun, wie ein Turner übers Reck, läuft zur Baracke und entzündet eins seiner Pakete. Er schwingt es wie eine Fackel, bis es hell brennt. Dann wirft er die Feuerlohe in das offene Fenster der Frauentoilette. Ein zweites brennendes Paket schleudert er auf das verschneite Dach. Ohne die Wirkung abzuwarten, läuft er zurück zu Paul, der als vorsichtiger Mann etwas abseits auf der anderen Straßenseite wartet. Langsam gehen sie weiter.
    Ein Straßenpassant sieht den Qualm und den Feuerschein in der Holzbaracke und alarmiert die Feuerwehr, die sehr schnell eintrifft. In der mit Blech ausgeschlagenen Toilette ist nur ein unbedeutender Brand entstanden, der in wenigen Minuten erstickt wird. Das brennende Paket auf dem verschneiten Dach erlosch durch das Schmelzwasser von selber. Es wird erst am nächsten Morgen entdeckt. Am Montag erhalten die Erwerbslosen ihr Geld ohne jede Verzögerung ausbezahlt.
    Dennoch ist van der Lubbe zufrieden. Das bimmelnde Feuerwehrauto hat eine große Menschenmenge angelockt. In seinen Augen ist das schon etwas. Leider verkennen die Neugierigen den Sinn des Feuers vollkommen, sie errichten keine Barrikaden. Waschinski wiederum wird die Gefahr der Ansammlung sofort bewußt. Es braucht nur einer in Marinus den „Brandredner" vom Mittwoch zu erkennen und schon kann er verhaftet werden. Schnell zieht er ihn deshalb in die nächste U-Bahn-Station und löst zwei Karten zum Alexanderplatz.
    Während der Fahrt wird nicht gesprochen. Lubbe ist auch zu sehr mit sich beschäftigt. Seine Augen sind unnatürlich starr. Wie ein Schlafwandler folgt er Waschinski, steigt mit ihm in der Friedrichstraße um und verläßt am Alexanderplatz mit ihm die U-Bahn. Schweigend gehen sie durch die belebte Königstraße in Richtung Rathaus. Plötzlich bleibt Lubbe stehen. Er hat ein offenes Kellerfenster entdeckt. Kurz entschlossen holt er ein Paket Kohlenanzünder aus der Manteltasche, steckt es an und wirft es in den Rathauskeller. Keiner der Passanten achtet auf die beiden Burschen. Es ist kalt, und alle haben es eilig.
    In gesicherter Entfernung warten die beiden jungen Männer der kommenden Dinge. Doch diesmal klingelt kein Feuerwehrauto. Als die erleuchtete Uhr im Rathausturm bereits halb acht anzeigt, schleichen sich beide davon. Lubbe ist enttäuscht. Wie ist das möglich? Versteht er nicht einmal mehr, ein richtiges Feuer zu legen? Diese Scharte muß sofort ausgewetzt werden.
    Die Feuerwehr wurde tatsächlich nicht alarmiert. Der Maschinenmeister Kiekbusch, der im Rathaus eine Werkswohnung hat, bemerkte den Brand und löschte das Paket Kohlenanzünder mit ein paar Eimern Wasser. Da er das Ganze für einen Streich dummer Jungen hält, informiert er auch nicht die Polizei.
    Van der Lubbe und Waschinski gehen weiter zum Schloßplatz. Neben dem Eosander-Portal des ehemals kaiserlichen Schlosses ragt ein Baugerüst bis zum Dachfirst hoch. Marinus bleibt stehen. Trotz seiner schlechten Augen erkennt er die Möglichkeit, hier hinaufzuklettern. Er ruft seinem Freund Paul zu, einen Moment zu warten, und hangelt sich an den Steigleitern hoch. Auf dem Dach des Schlosses läuft er zur Südseite. Der Versuch, die Bauhütte anzuzünden, schlägt fehl, doch dahinter ist eine Lüftungsklappe offen. Er opfert das letzte Paket Kohlenanzünder und wirft es in den dunklen Schacht. Dann läuft er zurück und hangelt sich nach unten, wo Waschinski wartet. Keiner der Passanten hat den Vorgang beobachtet. Die Schloßwache entdeckt den Brand, die Kohlenanzünder haben einen Fensterrahmen angesengt. Nässe und Farbe entwickeln einen mächtigen Gestank. Bevor die alarmierte Feuerwehr eintrifft, ist der Brand schon gelöscht. Immerhin stellen Kriminalbeamte fest, daß es sich hier um einen Brandstiftungsversuch handelt, den zweiten an diesem Abend. Wie er bewerkstelligt wurde, ist ihnen ein Rätsel. Daß der Brandstifter über das Dach kam, können sie nicht glauben.
    Als die Feuerwehr anrückt, entfernen sich die beiden jungen Burschen. Gegen 9 Uhr kommen sie im Männerheim in der Alexandrinenstraße an, zahlen ihre 50 Pfennige und belegen ein Bett. Lubbe legt sich sofort schlafen, Paul Waschinski geht noch einmal fort. Er muß noch Gruppenführer Graf Helldorf benachrichtigen. Helldorf gibt die Meldung, die ihm sein V-Mann bringt, sofort an Goebbels weiter. Der Propagandameister der NSDAP hält das Ganze zwar für recht mager, aber er gibt der Redaktion des ‘Angriffs' die Anweisung durch, den Brandstiftungsversuch im Schloß „ganz groß" aufzumachen, selbstverständlich als „kommunistischen Terrorversuch". Da nirgends Meldungen von Unruhen vorliegen, sind die beiden Feuerchen ein willkommenes Geschenk. Dann schreibt er in sein Tagebuch:
    „Alles konzentriert sich jetzt auf den Wahlkampf. Wenn wir den gewinnen, dann geht alles andere wie von selbst. Wir müssen nur dafür sorgen, daß das Tempo im Anfang nicht überspannt wird; denn bis zum letzten Tage soll immer noch eine Steigerung möglich sein."
    „Alles konzentriert sich jetzt auf den Wahlkampf", der bereits seit dem 1. Februar im Gange ist. Aber Goebbels hat recht, das Tempo darf nicht überspannt werden, denn der größte Coup steht noch bevor. Am Dienstag wird es keine sozialdemokratische, kommunistische und linksbürgerliche Presse mehr geben, der Terror wird die Menschen einschüchtern und auch die rechtsbürgerlichen Zeitungsredaktionen zur Vorsicht mahnen. Die letzte Steigerung muß dann der „Tag der erwachenden Nation" bringen. Noch bevor sich Goebbels schlafen legt, gibt er die Mitteilung heraus, daß man im Schloß eine Menge Brandmaterial gefunden hat. Das ist sicher ein guter Auftakt für den Reichstagsbrand und für die amtlichen Verlautbarungen, die am 28. Februar erscheinen sollen. Sie liegen fertig in der Schublade. Zum Sonntagabend hat sich Goebbels Karten für die „Götterdämmerung" in der Städtischen Oper bestellt.«

    Und so kam es zur Sprengung der Türme, äh zum Brand des Reichstages, wo Waschinski van der Lubbe zur vorgesehenen Zeit zum Portal gebracht und zum Einsteigen und Zündeln animiert hatte.

  9. #29
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    Standard AW: Reichstagsbrand - 9/11 - NSU..............

    Da die Beiträge aus einem anderen Strang hierher verschoben wurden, will ich auch den ersten Beitrag hier mitteilen, welcher den Anlaß gab, mich mit dem Thema Reichstragsbrand zu beschäftigen. Das Thema scheint bisher noch nicht eindeutig geklärt zu sein. Die Gelehrten streiten sich noch immer.
    Möglicherweise gibt es heute eine politische Parallele dazu? Jetzt aber mal anders herum.

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  10. #30
    Hände weg von Syrien! Benutzerbild von cajadeahorros
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    Standard AW: Reichstagsbrand - 9/11 - NSU..............

    Bald kommt die Neuauflage des Buches unter dem Titel "Das Ende einer Legende" in den Buchhandel.
    Auf geb' ich mein Werk; nur Eines will ich noch: das Ende - das Ende!

    (Wotan, Die Walküre)

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