Von Peer Teuwsen
Die Schweiz hat viele Freunde. Einer ihrer besten heisst Adolf Muschg. Wer sein Bettagsmandat in der letzten Ausgabe der > Zeit> genau gelesen hat, merkt, dass wir hier mit einem Patrioten zu tun haben, also einem Menschen, der sein Land ernsthaft liebt- und deshalb aufs Korn nimmt. Gerade die Schweiz, dieses Zufallsprodukt der Geschichte , diese Willensnation, muss sich ihrer selbst immer wieder vergewissern - indem über sie nachgedacht wird. Muschg forderte anlässlich des Eidgenössischen Dank -, Buss - und Bettages von seiner Heimat mehr Selbstachtung, also eine Vorstellung davon, wer man ist und wer man sein möchte. Das ist nicht wenig. Muschg macht sich damit keine Freunde. Nein, er setzt sich aus, der Sache zu liebe.
Was aber schreibt Kollege Widmer' Er macht sich lustig über die Grossintellektuellen, diese Dauerausscheider von Pfundsmeinungen. Handke, Strauss, Sloterijk, Walser , Grass, de Weck und eben Muschg - alle sollen weg. Widmer will sie nicht mehr hören, nicht mehr lesen, nicht mehr sehen. Da geht er lieber wandern in der schönen Schweiz. Es ist sein gutes Recht, die drei Affen zu machen. Er sollte seinen eigenen Überdruss aber nicht zur Verachtung der Engagierten erheben. Damit stellt er sich in die Reihe der Unseligen, die schon Frisch, Dürrenmatt, und Meienberg für jede Meinungsäusserung nach Sibirien schicken wollten. Muschg aber spielt nie auf den Mann..
Das eigentliche Problem von Widmer ( und der schweigenden Mehrheit, für die er steht) aber ist ein anderes. Er tut genau das, was Muschg in seinem Text so beschreibt: eigentlich befinde sich die Schweiz schon seit dem Bergier-Bericht, spätestens seit dem Grounding der Swissair in einem kollektiven Dauerschock, an dem vielleicht das Typische, aber auch das Bedenklichste seine Verleugnung ist. Und wer verleugnet, dass diese Schweiz ein Problem hat, der muss mit sehr viel Optimismus ( oder Ideologie) geschlagen sein. Wir, die wir hier in materieller Sorglosigkeit aufgewachsen sind, haben auch von den eidgenössischen Lebenslügen profitiert. Auch wir haben gut gelebt vom Geld, das wir für anderer gehortet haben. Wir alle waren UBS. Und jetzt, wo die anderen auch was vom Reichtum abhaben wollen, wundert und windet sich die Schweiz. Mein Gott, das sind doch interessante Themen! Nicht nur für die in die Jahre gekommenen Intellektuellen, wie Widmer despektierlich schreibt. Das will man lesen. Glückliches Land, das noch Menschen hat, die an ihm leiden!
PS: Wenn 'Peer Teuwsen' mit diesem Artikel nicht selber ans Bein pinkelt?
«Peer Teuwsen ist Schweiz-Korrespondent der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» und betreut deren Schweizer Seiten»...
http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/d...story/24061646